Grundlagen: Alphabetisierung und Grundbildung
Bisherigen Schätzungen zufolge gibt es in Deutschland mehr als vier Millionen erwachsene funktionale Analphabeten. Von „funktionalem Analphabetismus“ wird gesprochen, wenn die Betroffenen trotz Schulbesuchs nur über so geringe Schriftsprachkompetenzen verfügen, dass sie diese nicht funktional im Alltags- oder Berufsleben einsetzen können. Im Unterschied hierzu ist von „primärem“ oder „totalem Analphabetismus“ die Rede, wenn eine Person nie Lesen und Schreiben gelernt hat. Dies ist vor allem in den sogenannten Entwicklungsländern der Fall.
Was ist funktionaler Analphabetismus? Wer nur selten liest, kann in der Folge immer schlechter lesen. Dasselbe gilt für das Schreiben. So ist es zu erklären, dass in der Schule alphabetisierte Menschen im Laufe ihres Lebens zu funktionalen Analphabeten wurden. Andere haben die Schule verlassen, ohne ausreichend Lesen und Schreiben zu können. Und im Unterschied zu motorischen Handlungen, wie Schwimmen oder Laufen, kann man beispielsweise schriftsprachliches Handeln, also Lesen und Schreiben durch Nichtnutzung auch wieder verlernen. Zudem ist unser Schulsystem nicht immer in der Lage, allen Schülern ausreichende Kenntnisse im Lesen, Schreiben und Rechnen zu vermitteln. Dabei weisen die Ergebnisse der PISA-Studie darauf hin, dass es in Deutschland einen Zusammenhang gibt zwischen dem Scheitern im Bildungsprozess und der sozialen Herkunft.
Der Begriff „funktionaler Analphabetismus“ trägt dem Umstand Rechnung, dass „Alphabetisierung“ keine feststehende Größe ist, sondern sich gemäß dem zu einem bestimmten Zeitpunkt in einem bestimmten Gesellschaftssegment erwarteten Kompetenzniveau bestimmt. So sind in verschiedenen Berufen und Milieus unterschiedliche Kompetenzen erforderlich.
Zudem unterliegt Alphabetisierung (und damit funktionaler Analphabetismus) einem zeitlichen Wandel. Genügte es vor 150 Jahren noch, seinen Namen schreiben zu können, sind heute die Ansprüche aufgrund des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandels (Verschwinden einfacher, ausführender Tätigkeiten und damit wachsende Anforderungen der Arbeitswelt) gestiegen.
Als alphabetisiert gilt heute, wer sich an sämtlichen Aktivitäten seiner Umwelt, bei denen Lesen, Schreiben und Rechnen erforderlich sind, und ebenso an der weiteren Nutzung dieser Kulturtechniken für seine eigene Entwicklung und die seiner Gemeinschaft beteiligen kann (UNESCO: Statement of the International Commitee of Experts on Literacy, 1962). Dazu gehören beispielsweise die Rezeption von Texten, die von allgemeinem Interesse sind, der Umgang mit Bedienungsanleitungen und schriftlichen Arbeitsanweisungen, das Ausfüllen von Formularen, das Bedienen von Automaten und dergleichen mehr. Für die Orientierung in der Gesellschaft ist aber zum Beispiel auch ein gewisses Maß an Medienkompetenz erforderlich (media literacy). Es reicht nicht aus, alphabetisiert zu sein: Gesellschaftliche Partizipation erfordert Grundbildung.
Was ist unter Grundbildung zu verstehen? Andrea Linde zitiert die 1997 anlässlich der UNESCO Weltkonferenz CONFINTEA in Hamburg verfasste Definition und kommentiert sie:
„'Grundbildung für alle bedeutet, dass Menschen ungeachtet ihres Alters die Möglichkeit haben, als Einzelne oder in der Gemeinschaft ihr Potential zu entfalten. Sie ist nicht nur ein Recht, sondern auch eine Pflicht und eine Verantwortung gegenüber anderen und der Gesellschaft als Ganzes. Es ist wichtig, dass die Anerkennung des Rechts auf lebenslanges Lernen von Maßnahmen flankiert wird, die die Voraussetzungen für die Ausübung dieses Rechts schaffen (…) Lernen im Jugend – und Erwachsenenalter ist eines der wichtigsten Mittel, um Kreativität und Produktivität im weitesten Sinne erheblich zu verstärken, und dies wiederum ist unverzichtbar, wenn wir die komplexen, miteinander in Wechselbeziehung stehenden Probleme einer Welt lösen wollen, die einem immer rascheren Wandel, zunehmend Komplexität und einem wachsenden Risiko ausgesetzt ist' (...).
Diese Definition berücksichtigt nicht nur einzelne Aspekte der Grundbildung, wie dies beislpielsweise eine aktuell auf Berufsbildung fokussierende Richtung in Deutschland verfolgt, sondern weist auf die verschiedenen Lebensbereiche und komplexen Anforderungen einer stetig im Wandel begriffenen Weltgesellschaft hin, innerhalb derer sich der Einzelne orientieren und beteiligen können soll. Ausgehend von dieser auf die ganze Welt bezogenen Definitionsvorlage können Konkretisierungen auf nationaler, regionaler und lokaler Ebene vorgenommen werden. Hervorzuheben ist der multiperspektivische Ansatz, der den lernenden Menschen als Akteur in den verschiedenen Lebensbereichen in den Blick nimmt, und somit eine Verkürzung auf einzelne Aspekte zu vermeiden sucht. Bedeutsam ist die Verortung von Grundbildung im Kontext des lebenslangen Lernens; ohne Literalität bzw. Grundbildung bliebe ein Großteil der Bevölkerung in weiten Teilen vom lebenslangen Lernen ausgeschlossen.“
Linde, Andrea (2008): „Literalität und Lernen.“ Münster, S. 53-54.

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