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„Sozialräumliche Orientierung heißt immer auch, die Grenzen der eigenen Institution zu überwinden"

Wir haben mit Herrn Prof. Deinet (Leiter der Forschungsstelle Sozialraumorientierte Praxisforschung und Entwicklung an der Hochschule Düsseldorf und Mitglied im Beirat des Verbundvorhabens InSole) über die sozialräumliche Orientierung von Weiterbildung gesprochen und erfahren, warum es wichtig ist, eine sozialräumliche Öffnung der eigenen Einrichtung nicht nur als Plus zu betrachten.

DVV: Herr Prof. Deinet, Sie leiten gemeinsam mit Ihrer Kollegin Prof. Dr. Anne von Rießen an der Hochschule Düsseldorf die Forschungsstelle Sozialraumorientierte Praxisforschung und Entwicklung (FSPE) und sind gleichzeitig verantwortlich für das Online-Magazin sozialraum.de. Können Sie unseren Leser*innen schildern, was ein Sozialraum ist?

Es gibt erst einmal sehr unterschiedliche Begriffe und Definitionen des Begriffs „Sozialraum“. Im Bereich der Sozialen Arbeit, der Sozialwissenschaften, der Bildung gibt es zwei Grundverständnisse. Zum einen die weit verbreitete Definition von Sozialräumen als Planungsräume, wo  Städte oder Kreise ihre Gebietskörperschaft in sinnvolle Planungsräume unterteilen.  Als Beispiel kann man hier an die Stadtteile einer Großstadt denken. Dieser Begriff wird dann sehr stark im sozialplanerischen Sinne verwendet, wie beispielsweise in der Jugendhilfeplanung oder der Sozialplanung. Diese Planungen tangieren auch Bildungseinrichtungen, da sie Prognosen und Bedarfseinschätzungen liefern hinsichtlich der Notwendigkeit, zum Beispiel von Schulen.

Demgegenüber steht ein eher subjektives Verständnis. Denn Menschen haben ihren eigenen Sozialraum. Oftmals spricht man dann eher von einer Lebenswelt. Wo halten sich Menschen oft und gerne auf? Das muss nicht unbedingt mit einem Stadtteil identisch sein.

Der Sozialraum aus der subjektiven Perspektive oder verstanden als Planungsraum: Das sind zwei sehr weit auseinander liegende Interpretationen desselben Begriffs. Und wie so oft im realen Leben gehen diese durchaus auch Hand in Hand, verbinden sich oder sind nur schwer zu trennen. Diese unterschiedlichen Auffassungen zu kennen, finde ich sehr hilfreich, auch aus Sicht von Bildungseinrichtungen, d. h. die eigene Einrichtung als Teil eines Sozialraums zu sehen und auf der anderen Seite, auch als Teil von subjektiven Lebenswelten der Menschen, die sie nutzen.

Würden Sie einer Weiterbildungseinrichtung raten, eher statistische, quantitative Daten zu ermitteln oder würden Sie raten, die subjektive Perspektive (…) zu ermitteln?

Ich würde als Weiterbildungseinrichtung und auch als soziale Einrichtung immer versuchen beides zu tun. Ich würde sowohl quantitative Daten nutzen, z.B. als Antwort auf die Frage nach der potentiellen Zielgruppengröße, als auch ermitteln - und dann sind wir schon beim Thema der Sozialraumanalyse - welche Einrichtungen es bereits in diesem Sozialraum gibt und wie diese Einrichtungen auch subjektiv von den Menschen erlebt werden? Um dies zu erheben, haben wir Methoden entwickelt [1], mit deren Hilfe man besser einschätzen kann, wo im Sozialraum etwas fehlt. Damit bekommen wir nicht nur eine quantitative, sondern auch eine qualitative Aussage. Wir wissen dann, wo die Menschen sich in einem Stadtteil wohlfühlen und was ihnen auf der anderen Seite vielleicht fehlt. So können wir zum Beispiel das Angebot auf diesen Bedarf hin konzeptionieren. Wir sprechen hier auch von sozialräumlicher Konzeptentwicklung.

Wie könnte eine Weiterbildungseinrichtung vorgehen, wenn sie sozialraumorientiert arbeiten und wirken möchte?

Es gibt ein Einvernehmen, sowohl im sozialen Bereich wie auch im Bildungsbereich, dass Kooperation und Vernetzung mit anderen Einrichtungen sehr wichtig sind. Dass ich nicht isoliert agiere, sondern weiß, welche anderen Einrichtungen mit welchem Einzugsgebiet es in meinem Sozialraum gibt und welche Zielgruppen sie bedienen. Das ist ein wichtiger Aspekt der Sozialraumorientierung.

Zur Netzwerkarbeit und Kooperation mit anderen Einrichtungen existieren konkrete ortsbezogene Anknüpfungspunkte, wie beispielsweise Koordinationsrunden, Stadtteilkonferenzen und andere Gremien. Interessant ist auch, wenn Vernetzung und Kooperation über den Sozial- und Bildungsbereich hinausgehen kann und zum Beispiel die örtliche Ökonomie mit einbezieht. Denn sozialräumlich interessant ist auch der Blick über den Tellerrand. Ich schaue im Grunde von meiner Einrichtung, von meinem Angebot, von meinem Projekt in den Sozialraum, suche Bündnispartner und andere, die meine Einrichtung nutzen können, um diese breiter aufzustellen. Da geht es oftmals um die Frage: Wo kann ich für mein Angebot ganz konkret werben? Wo gibt es Konkurrenzen? Wo gibt es Partner, mit denen ich zusammenarbeiten sollte?

Ein anderer Aspekt ist, dass ich mich zum Beispiel als Schule oder Weiterbildungseinrichtung in einem Stadtteil auch selbst als zivilgesellschaftlicher Protagonist verstehe und mich dann in die Weiterentwicklung dieses Sozialraums einbringe. Das ist ein etwas breiteres und erweitertes Verständnis. Dann spielt für die Entwicklung des jeweiligen Sozialraums, wie eben schon angedeutet, die Zusammenarbeit mit nicht staatlichen Anbietern, wie beispielsweise NGOs, Vereinen, Initiativen oder politischen Parteien, eine Rolle. Hier ist die Zusammenarbeit mit der lokalen Politik, beispielsweise mit den  Bezirksvertretungen in den Kommunen von NRW, zu suchen.

Worauf müssen sich Bildungseinrichtungen einlassen, wenn sie sich sozialräumlich orientieren? Was sind die wichtigsten Voraussetzungen?

Sozialräumliche Orientierung verlangt von Einrichtungen und ihren Fachkräften, dass sie ihre Komm-Struktur verändern. Sie sollten nicht nur darauf warten, dass Menschen die Angebote in der Einrichtung nutzen, sondern sich zu einer Geh-Struktur entwickeln. Sozialräumliche Orientierung heißt immer auch, die Grenzen der eigenen Institution zu überwinden und, zum Beispiel in Form von Stadtteilbegehungen, mobil zu sein; im Stadtteil präsent zu sein oder sogar Angebote außerhalb der eigenen Einrichtungen durchzuführen. Diese Art von mobiler aufsuchender Arbeit ist ein spezieller Ansatz der sozialen Arbeit. Dies bedeutet für Bildungseinrichtungen möglicherweise eine große Herausforderung, doch ich würde immer dazu ermuntern, im Sinne einer Sozialraumorientierung, mehr über die Menschen vor Ort und ihre Bedarfe zu ermitteln, und Menschen miteinander in Kontakt zu bringen. Das ist fast schon eine Haltung, die sich da entwickeln müsste. Hier müssen sich die Bildungseinrichtungen deutlicher von bisherigen Formaten verabschieden oder diese zumindest erweitern.

Was wäre denn dementsprechend notwendig, wenn Sie von neuen Formaten sprechen?

Die hier skizzierten Aktivitäten, die außerhalb der Einrichtungen stattfinden, erwecken immer noch den Eindruck einer Sondersituation. Dabei müssten sie in den normalen Alltag integriert werden. Sozialräumliche Öffnung ist nicht allein dann vorzunehmen, wenn es um neue Zielgruppen geht, vielmehr geht es um eine sozialräumliche Öffnung als kontinuierlicher Prozess. Stadtteilbegehungen müssen dann regelmäßig durchgeführt und dokumentiert werden.

Diese sozialräumliche Orientierung muss viel mehr im Alltag gelebt werden. Solche Aktionen müssen auch außerhalb der klassischen Öffnungszeiten umgesetzt werden. Im Bereich der Sozialarbeit spielt zum Beispiel das Wochenende eine große Rolle. Natürlich kommt man mit den regulären Arbeitszeiten der Fachkräfte an Grenzen.

Interviewer*in

Mariola Fischer
Referentin „InSole – In Sozialräumen lernen“

Jens Kemner
Projektleiter „InSole – In Sozialräumen lernen“

Erläuterungen und Hinweise

Bildnachweise

  • Hochschule Düsseldorf
  • Deutscher Volkshochschul-Verband e.V.
  • Deutscher Volkshochschul-Verband e.V.

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