Was ist Grundbildung?

Was ist Grundbildung?

Der Begriff Grundbildung wird in der aktuellen Diskussion breit gefasst. Im „Grundsatzpapier zur nationalen Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung“ wurde folgende Definition festgehalten:

„Der Begriff der Grundbildung soll Kompetenzen in den Grunddimensionen kultureller und gesellschaftlicher Teilhabe bezeichnen, darunter: Rechenfähigkeit (Numeracy), Grundfähigkeiten im IT-Bereich, Gesundheitsbildung, Finanzielle Grundbildung, Soziale Grund-kompetenzen. Grundbildung orientiert sich somit an der Anwendungspraxis von Schriftsprachlichkeit im beruflichen und gesellschaftlichen Alltag, wobei die Vermittlung von Alltagskompetenzen immer auch in der Verbesserung sinnverstehenden Lesens und Schreibens mündet.
Arbeitsplatzorientierte Alphabetisierung und Grundbildung stellt für Erwerbstätige eine mittlerweile vielfach erprobte Möglichkeit nachhaltiger Verbesserung der Grundkompetenzen dar.“[1]

In einem engeren Sinne werden unter Grundbildung die Bereiche Lesen und Schreiben (Alphabetisierung) sowie Rechnen verstanden, die Voraussetzungen sind für eine selbstbestimmte kulturelle und gesellschaftliche Teilhabe.

Zum Weiterlesen: Analphabetismus
Zum Weiterlesen: Alpha-Levels


[1] Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)/Kultusministerkonferenz (KMK)(Hrsg.) Grundsatzpapier zur Nationalen Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung 2016-2026.

Aufgerufen am 17.4.2018 unter https://www.alphadekade.de/files/01_Grundsatzpapier%20zur%20Nationalen%20Dekade%20Alphabetisierung%20und%20
Grundbildung_final.pdf

Wer hat Alphabetisierungs- und Grundbildungsbedarf?

Wer hat Alphabetisierungs- und Grundbildungsbedarf?

In Deutschland zählen 14,5 % der deutsch sprechenden erwachsenen Bevölkerung (d. h. 7,5 Millionen Menschen) zu den sogenannten funktionalen Analphabet*innen: Sie können zwar einzelne Buchstaben, Wörter oder auch Sätze lesen und schreiben, nicht jedoch zusammenhängende – auch kürzere – Texte.
Bei weiteren 13 Millionen Menschen oder 25,9 % der erwerbsfähigen Bevölkerung tritt fehlerhaftes Schreiben selbst bei gebräuchlichen Wörtern auf.

In der Gesamtgruppe funktionaler Analphabet*innen finden sich laut leo. – Level-One Studie

• mehr Ältere als Jüngere,
• mehr Menschen mit Deutsch als Erstsprache (58 %)
• mehr Männer (60,3 %) als Frauen
• mehr Erwerbstätige (56,9%) als Arbeitslose (16,7%)

Die Ursachen sind vielfältig und von Fall zu Fall verschieden. In der Regel ergeben sie sich erst aus einem Zusammenspiel verschiedener Faktoren, die für sich allein genommen noch nicht zu funktionalem Analphabetismus führen würden, zum Beispiel schulische, familiäre, kulturelle oder persönliche Faktoren.

Gründe können im familiären Umfeld liegen: Wenig Lernunterstützung aus Zeitmangel/Überforderung oder fehlende räumliche Rückzugsorte zum Lernen können den Lese- und Schreiberwerb ebenso erschweren wie eine schwierige Familiensituation (finanzielle Probleme, Trennung, Konflikte, Gewalt,…).  Fehlen Kindern Lese- und Schreibvorbilder oder sammeln sie keine präliteralen Erfahrungen, starten sie mit anderen Voraussetzungen in den Schriftspracherwerb.

Mögliche Faktoren in der Schule können z. B. unzureichende Förderung, Mobbing/Ausgrenzung oder überfordertes Lehrpersonal sein.  Auch häufige Lehrerwechsel oder demotivierende Erfahrungen  können das Lernen erschweren.

Persönliche, gesundheitliche oder situative Faktoren spielen oft auch eine Rolle: Zum Beispiel Seh- oder Hörschwierigkeiten werden (zu) spät erkannt, das Lernen wird erschwert durch Legasthenie oder durch Krankheit unterbrochen, die Person musste häufig die Schule wechseln oder hat ein geringes Selbstvertrauen und wenig Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Lese- und Schreibkenntnisse können auch verlernt werden, wenn sie selten angewandt werden.

Nicht zuletzt können auch kulturelle Faktoren zur Entstehung von Lese- und Schreibschwierigkeiten beitragen, zum Beispiel wenn als Folge von Migration geringe Deutschkenntnisse in der Schulzeit vorliegen und/oder Schwierigkeiten beim Schriftspracherwerb in der Zweitsprache bestehen.

Die Aufzählung ist nicht abschließend.

Warum gibt es Handlungsbedarf?

Warum gibt es Handlungsbedarf?

Ein geringes Grundbildungsniveau kann unterschiedliche Bereiche des Lebens beeinflussen und dadurch dauerhafte Benachteiligungen für Individuen und auch die umgebende Gesellschaft mit sich bringen, zum Beispiel wirtschaftliche oder gesellschaftliche Benachteiligung.

Wirtschaftliche Benachteiligung

Erwachsene mit geringen Lese- und Schreibfähigkeiten sind häufiger durch Arbeitslosigkeit bedroht, erhalten in bestehenden Arbeitsverhältnissen oftmals geringe Löhne und haben weniger Chancen auf eine Beförderung. Den Kommunen entstehen dadurch höhere Aufwendungsbedarfe in den sozialen Sicherungssystemen und potentielle Steuereinnahmen gehen verloren.

Gesellschaftliche Konsequenzen

Eltern, die nicht über ausreichende Lese-und Schreibfähigkeiten verfügen, sind insbesondere während der Schul- und Ausbildungszeit ihrer Kinder häufig mit Anforderungen konfrontiert, die sie nicht oder nur unzureichend erfüllen können, z. B. Formulare für Essens- oder Kursanmeldungen ausfüllen oder Benachrichtigungen der Lehrer*innen umsetzen. Auch die Studienlage beweist, dass das Bildungsniveau der Eltern einen entscheidenden Einfluss auf das Leben von Kindern hat – ihre Bildungs- und Lebenschancen sind häufig gemindert, je niedriger der Bildungsstand der Eltern ausfällt.

Die politische Teilhabe kann durch verminderte Lese- und Schreibfähigkeiten eingeschränkt werden, nicht zuletzt durch oftmals schlecht konzipierte Dokumente, wie z. B. eng bedruckte Umfragebögen. Die Sorge, auf Grund der eigenen Defizite den Wahlzettel falsch auszufüllen, kann dazu führen, dass Wähler*innen nicht wählen gehen und somit Wählerstimmen verloren gehen.

Erwachsene mit unzulänglichen  Kompetenzen im Lesen, Schreiben und Rechnen können außerdem leichter sozial und finanziell „abrutschen“, da sie z. B. bestimmte Versicherungen nicht abschließen, sich verschulden oder auf behördliche Schreiben und Mahnungen nicht reagieren.

Im Gesundheitsbereich ist ein Mangel an Lese- und Schreibfertigkeiten besonders prekär, da Medikamente falsch eingenommen oder Rezepte falsch ausgewiesen werden können. Studien haben auch einen Zusammenhang  zwischen einem niedrigen Sozialstatus und höheren Gesundheitsrisiken belegt.

Hindernisse im Verwaltungsalltag

Im Verwaltungsalltag bestehen häufig große Hürden für Erwachsene mit geringen Lese- und Schreibfähigkeiten. Eine schwierige behördliche Sprache oder eng bedruckte Formulare führen dazu, dass Bürgerinnen und Bürger nicht auf Schreiben antworten, die Formulare nicht ausfüllen oder gar nicht erst zu Terminen erscheinen. Verwaltungsprozesse werden dadurch ineffizient und fehlerhaft und führen zu Nachteilen sowohl für die Kommune als auch für betroffene Personen selbst (z. B. durch fehlendes Wissen über Sozialleistungen oder Angebote der Kommune).

Welche Angebote gibt es?

Welche Angebote gibt es?

Viele Volkshochschulen bieten Beratungen und Grundbildungskurse an. Sie nutzen dafür Unterrichtskonzepte, Praxismaterialien und das vhs-Lernportal. Im Folgenden werden interessante Produkte zu den Bereichen Lesen, Schreiben, Rechnen und Deutsch als Zweitsprache vorgestellt.

Was bisher geschah…

Was bisher geschah…

Alphabetisierungs-und Grundbildungsarbeit hat an einzelnen Volkshochschulen eine lange Tradition. Ein wichtiger Schritt in Richtung Professionalisierung ist das in 2004 entwickelte Online-Lernportal für funktionale Analphabet*innen ich-will-lernen.de, das vom Bundesbildungsministerium gefördert wird.

Das BMBF fördert seit 2007 kontinuierlich und systematisch Projekte, um u.a. die Forschungslage zur Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener zu verbessern, neue Unterrichtskonzepte und Curricula zu entwickeln sowie Lehrkräfte zu professionalisieren.

Im Jahr 2011 belegten die Ergebnisse der leo.-Level-One-Studie, dass 7,5 Millionen Erwachsene in Deutschland nicht richtig lesen und schreiben können. Seitdem wurden auch die Öffentlichkeit und das mitwissende Umfeld zunehmend sensibilisiert.

Von 2016 – 2026 soll im Rahmen der nationalen Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung das Grundbildungsniveau verbessert werden. Mehr lesen unter www.alphadekade.de.

Publikationen

Koordinierungsstelle AlphaDekade
Bundesministerium für Bildung und Forschung
Ich will lernen.de
Ich will Deutsch lernen
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