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Anne Deny, veröffentlicht am 23.02.2026
Interview mit Claudia Lühmann
Claudia Lühmann leitet den Programmbereich Grundbildung an der Volkshochschule Buxtehude und ist für die Koordination des vhs-Lerntreffs zuständig.
Was hat Sie an der vhs Buxtehude dazu motiviert, einen niedrigschwelligen Lernort zu eröffnen?
Den Wunsch, in der Grundbildung deutlich mehr anzubieten als bisher, hatten wir schon seit Längerem. Auch das Thema „Inklusives Lernen“ wurde immer wieder an uns herangetragen. Allerdings fehlte es bisher an einem umfassenden Konzept und vor allem an einer ausreichenden Finanzierung. Das Förderprojekt „vhs-Lerntreff im Quartier“ machte dann beides möglich. Entscheidend war dabei unser Antrieb, die vhs als „Lernort für Alle“ weiterzuentwickeln und für jene Menschen sichtbarer zu machen, die wir bisher nur bedingt erreichen konnten.
Sie haben Ihren vhs-Lerntreff inklusiv gestaltet. Was gilt es dabei aus Ihrer Sicht zu beachten?
Am wichtigsten ist der frühe und regelmäßige Austausch mit allen, die in irgendeiner Form am Lerntreff mitwirken. Also bei der Planung und Umsetzung nicht nur die Lernenden, sondern auch die Lernbegleitungen und die Mitarbeitenden im eigenen Haus mitzudenken und – wann immer möglich – auch andere, erfahrene Akteure einzubeziehen. Wir haben uns vor Projektstart viele Gedanken gemacht, wie ein inklusiver Lerntreff ausgestattet sein sollte. Aber erst die konkrete Erfahrung mit den unterschiedlichen Menschen hat gezeigt, was der oder die einzelne tatsächlich brauchte, sich wünschte oder als hilfreich empfand.
Claudia LühmannEntscheidend war dabei unser Antrieb, die vhs als „Lernort für Alle“ weiterzuentwickeln und für jene Menschen sichtbarer zu machen, die wir bisher nur bedingt erreichen konnten.
Für viele vhs-Lerntreffs hat die Kooperation mit sozialräumlichen Partnern eine große Rolle gespielt. Mit wem haben Sie im Rahmen des Lerntreffs zusammengearbeitet?
Neben der Migrationsberatung der AWO, die sich nur wenige Gehminuten von der vhs entfernt befindet, war und ist die Lebenshilfe Buxtehude ein wichtiger Partner. Weitere wertvolle Unterstützer vor Ort waren der städtische Beauftragte für Menschen mit Behinderungen und die Ehrenamtskoordinatorin der Hansestadt Buxtehude. Sie haben bereits in der Planungs- und Antragsphase wertvolle Anregungen eingebracht.
Können Sie ein Beispiel nennen, wie die Zusammenarbeit mit der Lebenshilfe und der AWO den vhs-Lerntreff bereichert hat?
Vor allem der Austausch mit den Lebenshilfe-Mitarbeiterinnen der Kompetenzstelle für Teilhabe KOMPASS, deren Räumlichkeiten sich ebenfalls im Quartier befinden, war von großem Nutzen. Uns war vorher nicht bewusst, wie viele Menschen mit Beeinträchtigungen im Stadtteil und sogar in unmittelbarer Nähe der VHS wohnen. Auch über deren konkrete Bedürfnisse und Wünsche konnten wir von diesen beiden wichtigen Kooperationspartnern viel lernen. Die AWO stand uns vor allem bei akuten Fragen unterstützend zur Seite, die sich in Beratungsgesprächen mit Migrantinnen und Migranten ergaben.
Gab es Angebote, die überraschend gut aufgenommen wurden?
Besonders gefreut hat uns, dass die Schüler und Schülerinnen des Zweiten Bildungswegs mit Grundbildungsbedarf, für die wir unterstützend zu ihrem Schulabschlusskurs zwei begleitete Selbstlernzeiten für Deutsch und Rechnen eingerichtet hatten, diese so gut angenommen und auch merklich davon profitiert haben. Mit der digitalen Grundbildung war es anfangs schwieriger. Erst als wir vom offenen Angebot auf das vertrautere Kurs-Format umgestellt hatten, konnten wir deutlich mehr Menschen erreichen. Daraus hat sich dann auch ein größeres Interesse an digitalen Lernhilfen wie Apps und dem vhs-Lernportal in den anderen Bereichen, zum Beispiel Lesen und Schreiben oder auch Rechnen, entwickelt.
Neben regulären Lernangeboten hatten Interessierte auch die Möglichkeit in die Lernberatung zu gehen. Welche Erfahrungen haben Sie aus der Lernberatung mitgenommen?
Die Lernberatung war und ist ein wichtiger Baustein im Gesamtkonzept unseres inklusiven Lerntreffs. Wir informieren nicht nur über die aktuellen oder geplanten Lerngruppen und Kurse. Gerade für Menschen mit Einschränkungen – welcher Art auch immer diese sein mögen – ist es wichtig, vor Beginn und auch während des Lernprozesses über ihre individuellen Bedürfnisse zu sprechen. Nur so können wir sie optimal unterstützen. Davon profitieren beide Seiten, denn auch wir selber lernen viel aus den Beratungsgesprächen und können so unser Angebot stetig verbessern.
Claudia LühmannPersönlich am meisten beeindruckt haben mich die gegenseitige Akzeptanz, die uneingeschränkte Offenheit und der Zusammenhalt innerhalb der einzelnen Lerngruppen.
Welche Erfolge oder positiven Erfahrungen nehmen Sie aus dem Projekt vhs-Lerntreff mit?
Persönlich am meisten beeindruckt haben mich die gegenseitige Akzeptanz, die uneingeschränkte Offenheit und der Zusammenhalt innerhalb der einzelnen Lerngruppen. Aber auch gruppenübergreifend hat sich ein starkes Gemeinschaftsgefühl entwickelt. Das zeigte sich unter anderem, als wir Besuch von der örtlichen Tageszeitung und vom Lokalfernsehen bekamen. Viele unserer „Lerntreffler“ haben bei diesen Terminen aktiv mitgewirkt, sich im Unterricht interviewen und sogar dabei filmen lassen. Positiv überrascht hat uns außerdem, dass sogar Lernende, die anfangs digitale Hilfsmittel ausdrücklich abgelehnten, im Laufe der Zeit doch noch die Welt des digitalen Lernens für sich entdeckt und nach eigenem Bekunden auch längerfristig davon profitiert haben.
Gibt es Pläne, den vhs-Lerntreff fortzuführen?
Tatsächlich führen wir den Lerntreff seit Beendigung des Projektes nahtlos weiter. Möglich ist dies dank der finanziellen Unterstützung engagierter lokaler Organisationen wie zum Beispiel der Hans-Uwe Hansen-Stiftung. Dadurch können wir den eingeschlagenen Weg des gemeinsamen Lernens für Alle weiterverfolgen und den Lerntreff thematisch ausbauen. Aktuell planen wir ganz neue Angebote wie spezielle Lerngruppen für Frauen, inklusiv gestaltete Kochkurse und – auf Anregung unserer Lerntreff-Besucher*innen – einen niedrigschwelligen Englischkurs im Rahmen der Grundbildung.
NDR-Beitrag
Der Norddeutsche Rundfunk hat in seiner Sendung „Hallo Niedersachsen“ über den vhs-Lerntreff in Buxtehude berichtet. Unter dem Titel „Mein Lieblingsplatz: Der vhs-Lerntreff in Buxtehude“ entstand ein rund dreiminütiger Filmbeitrag, der den offenen und inklusiven Lernort vorstellt.
Den Beitrag können Sie in der ARD-Mediathek ansehen.
Projekt vhs-Lerntreff im Quartier
Autorin
Anne Deny arbeitet als Referentin für das Projekt vhs-Lerntreff im Quartier beim Deutschen Volkshochschul-Verband.